Mofa EUROMAT
So hat mein motorisiertes Zweiradleben begonnen. Ein italienisches Mofa mit Automatik-Getriebe und noch ganz nah am Fahrrad.
Ich weiß nicht mehr, wie ich an das Ding dran gekommen bin, aber ich weiß, dass es mir einen höllischen Spaß gemacht hat, mit dem rappelnden und schlotterden Gestell die Anhöhe hier bei uns runter zu rasen. Ja, wirklich! Rasen! Man mag es nicht glauben, aber ich habe mit dem Ding sage und schreibe 75 Stundenkilometer geschafft. Ohne Helm in Jeans und T-Shirt. Ich muss lebensmüde gewesen sein. Einmal bremsen und die Beläge wären mir als Schlacke aus den Naben gequollen. Aber in die Situation bin ich nie gekommen. Wer bremst, hat Angst!
Ja, ich gebe zu, ich war ein Vollgas-Junkie.
Das Tuning und die Folgen

Schließlich hatte ich das Mofa dann doch totgetuned. Zylinderkopf runter, plan schleifen, um die Verdichtung zu erhöhen, anderen Auspuffkrümmer dran, Luftfilter vom Vergaser runter, Ein- und Auslässe etwas aufschleifen ... war eine höllische Maloche. Ach ja. Und der Durchmesser des Schwungrades war nach meiner Aktion auch nicht mehr original. Dass es sich dann nicht mehr wie gewohnt antreten ließ, war mir damals ehrlich gesagt Sch...egal.
Es hat dann noch ein paar Wochen gehalten, in denen mir natürlich auch die Polizei auflauerte. Ich nahm mir gerade mal wieder eine gehörige Nase voll Druckluft, als die Kollegen in Grün in der Seitenstraße standen. Sie hängten sich an meinen Heckfender. Zum Glück hatte ich sie früh genug bemerkt und mein Handgelenk hatte sich automatisch entspannt. Also schlich ich mit dem grün-weißen Auto im Nacken um die Ecke, wo sie mich dann ungefähr 25 Meter vor meinem Zuhause abfingen.
Ich solle mal Vollgas geben. - Na, da hatten sie was verlangt. Da hatte ich ja nun sowas von gar keine Muffe vor. Ich drehte den Hahn bis zum Anschlag. - Nix, als ein gequältes "Brüüüüüüh" in gemäßigter Lautstärke gab mein Schätzchen von sich. Ganz, wie es sein musste. Logisch. Den richtigen Schub bekam sie ja erst ab einer bestimmten Motordrehzahl, die ich aber bei stehendem Hinterrad nie erreichte. Erst, wenn ich eine gewisse Geschwindigkeit drauf hatte, schaltete die Maschine sozusagen von selbst in den Zweiten Gang. Dann machte es "Pääääääääääääääähhhhh!!" und meine Umgebung verschwamm schlagartig in zarten Streifen. "Warp sieben, Mister Chekov!"
Das wussten die Beamten allerdings nicht. Sie sahen nach den Zahnrädern, die ich selbstverständlich nicht angerührt hatte. Ich bin ja nicht blöd. Zahnradzähne zählen gehört zur Grundausbildung eines Polizisten. Den Standarddurchmesser meines Schwungrades hatten sie wohl nicht auf der Pfanne und den Luftfilter konnte ich gerade verloren haben. In den Motor reinsehen konnten sie vor Ort auch nicht. Dazu hätten sie das Rad beschlagnahmen müssen. Da mein Mofa im Stand jedoch normal klang, bestand dazu keine Veranlassung.
Also entließ man mich mit ratlosem Blick, folgte mir jedoch nach Hause, weil ich die Betriebserlaubnis für das Mofa nicht dabei hatte. Ich brachte das Teil raus, die Herren schauten rein, nahmen mir fünf Mark ab, weil ich die nötigen Papiere nicht am Mann gehabt hatte und ließen mich mit meinem Custom-Mofa wieder allein.
Ich schaute ihnen belustigt nach, froh darüber, so glimpflich davon gekommen zu sein.
Das Ende
Am Ende ihres schnellen, aber intensiven Daseins ist die kleine Rennmaschine dann auf der Ladefläche des Schrotthändlers gelandet. Schade eigentlich. Aber die Zeit war halt reif für neue Herausforderungen. Und die hatten dann erstmal für die nächsten Jahre vier Räder und ein Dach.
Allgemeines zum Mofa Euromat
Ich habe viel im Netz recherchiert, aber nur extrem wenige Informationen über "mein" Mofa gefunden.
In einem Mofa-Forum bin ich dann bildmäßig fündig geworden. Einer der Beiträge gibt Hinweise auf das Fahrzeug.
www.mofapower.de (ganz nach unten scrollen)
Unter anderem wird hier erwähnt, dass es sich um ein Fahrzeug der ehemaligen italienischen Fahrradmanufaktur "Chiorda" handelt, die neben sehr erfolgreichen Renn-Fahrrädern eben auch Kleinkrafträder produzierte. Dieses Unternehmen wurde von der Firma Bianchi übernommen, welche die erfolgreiche Handelsmarke in 2011 wiederbelebt.
Der Motor dagegen ist ein Anker Laura M48 aus der Laura Motoren B.V. Eygelshoven, in Holland mit einem Encarwi-Vergaser. Diese Motoren wurden unter anderem auch in den erfolgreichen niederländischen Batavus-Mofas und einigen anderen europäischen Kleinkrafträdern verbaut.
Nach einem Verkaufsprospekt sind diese Fahrzeuge wohl alternativ mit einem 1,5 PS-Motor der Solo Kleinmotoren GmbH ausgestattet worden, die ab 1970 auch Kleinkrafträder baute.
Sowieso differieren die Leistungsangaben für den Motor je nach Quelle. Mal hat das Fahrzeug 1 PS, mal 1,5 und mal 2,4. Welche Aussage davon die Richtige ist, kann ich an dieser Stelle aus Mangel an verlässlichen Hinweisen nicht sagen.
Aus: hobby -Das Magazin der Technik 1-8-1973
Auch über die Lackierung dieses Fahrzeugs kann ich nur spekulieren. Ich habe in den spärlichen gedruckten Abbildungen immer nur Mofas mit einem rot lackierten Rahmen gefunden. In dem oben erwähnten Mofa-Forum ist ein blaues Fahrzeug abgebildet. Und soweit ich mich erinnere, war auch mein Mofa blau-weiß, was am Ende dazu geführt hat, dass ich den Euromat-Schriftzug vernichtet und den Tank mit BMW-Aufklebern "verschönert" habe. - Customizing mit einem Augenzwinkern. - Ob die blaue Farbe aber original war ... keine Ahnung.
Irgendwo in einer Verkaufsanzeige habe ich dann noch ein Typenschild gefunden. Darauf vermerkt waren die Typnummer (3055), der Hersteller (Chiorda/Italien) und das zulässige Gesamtgewicht (140 kg). Leider hat sich der Verkäufer auf meine Kaufanfrage nicht zurück gemeldet. Ich hätte das alte Mofa gern wieder instand gesetzt.
Falls jemand ergänzende Informationen zu diesem Mofa beisteuern kann, würde ich mich über den Kontakt sehr freuen.
Infos und Links zum Motor Anker Laura M48
Luftgekühlt
Zweitakt
47,78 ccm
2,4 PS (2 KW) bei 5000 U/min
Gusseisen-Zylinder mit Aluminium-Zylinderkopf
Kompression 7:1
Encarwi S22 Vergaser
Gemischaufbereitung 1:40 aus Normal-Benzin und Zweitaktöl
Zündkerze Typ Bosch 175 T 1 (Vergleichstabelle siehe hier)
Schnittzeichnung:
http://home.arcor.de/cneli/steffold/lauram48.jpg
Störungssuche und Fehlerbeseitigung Mofa-Motoren:
Allgemeines zu Zweitaktmotoren
Olaf Manke - Bücher, Motorrad, Kunst und mehr
