Für Wahn 1978 - Der erste Open-Air-Auftritt.
Für Wahn war eher ein Freundschafts-Projekt als eine Band. Stil-Schablonen funktionierten für uns nicht. Rockern waren wir zu jazzig, Jazzern zu punkig, Punks sahen uns als Hippies, Hippies als Verrückte. Und Klassiker? Das wollen wir hier besser nicht vertiefen!
Das lag wahrscheinlich daran, dass unser Lärm nicht nachvollziehbar war. Es gab keine Stücke, die man immer wieder hören konnte. Man musste sich immer und immer wieder neu auf uns einlassen. Wir kamen zusammen, dudelten drauflos und produzierten Sounds, die aus der aktuellen Stimmung entstanden. Nichts von unserer "Musik" war komponiert. Nichts wiederholbar. Es galt das Geräusch des Augenblicks ... und das konnte manchmal schon fast unerträglich sein.
Kommen - dudeln - gehen war unser Motto.
Für die etablierte Musikwelt waren wir ein Affront. Denn wir ließen uns nie kommerzialisieren. Wie denn auch? Was man nicht reproduzieren kann, ist schlecht in Gold zu verwandeln.
Aber darum ging es uns auch gar nicht. Während andere nach Anerkennung, Erfolg und finanziellem Ertrag streben, war es uns vor Allem wichtig, vorgefertigten Mustern eine Absage zu erteilen. Für Wahn war die praktische Demonstration, dass aus dem Zusammenwirken von Individuen Chaos in Ordnung überführt werden und Ordnung sich ebenso wieder in Chaos verwandeln kann.
Für Wahn war gelebte Anarchie. Und das nicht nur akustisch!
Damit kamen und kommen nur wenige Menschen klar.
Wir waren eben ... anders ... was am Anfang noch nicht so offensichtlich war, wie man an der Anzeige zum ersten Open-Air-Auftritt im Jahr 1978 nachvollziehen kann.
Charly, ich und Franz'l in den 1980ern in meinem Studierzimmer in Münster.
In den frühen 1980ern waren wir Studenten. Charly (eigentlich Heinz-Jürgen Scharloh) studierte Bühnenbild an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Kneidl. Franz (Franz-Reiner Bücking) hatte ein Studium der Theater-Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum begonnen, und ich (Olaf O. Manke) hatte mich in die grafisch-technische Kunst an der FH Münster vertieft.
Wir hatten also alle eine mehr oder weniger gestalterische Grundlage. Das äußerte sich natürlich auch in unseren Bühnenauftritten und in unserer Selbstdarstellung.
Unsere Auftritte waren immer ganz besonders von Charlys Kreativität geprägt. Er sprudelte nur so über, wenn es darum ging, eine Bühnenshow zu planen und umzusetzen. Doch auch hier war Vieles spontan improvisiert. Ein aneinandergebundenes Bündel von Zahnbürsten mutierte zu einer Krone, Fahrradreflektoren zu einer undurchschaubaren Brille, eine alte Gardine zu einem Umhang und ein Toilettendeckel zu einer riesigen Kastagnette. Charlys Phantasie waren kaum Grenzen gesetzt.
Sommerfest der Psychiatrie in Lengerich. Charly sprengt die Tastatur der ELKA Rhapsody mit Feuerwerkskörpern, und ein Patient trägt per Megaphon Texte zum Auftritt bei.
Wir waren Autodidakten, Dilettanten und Chaoten. Das wussten wir! Und wir haben das auch entsprechend deutlich gemacht. Wir haben uns nie wegen unserer musikalischen "Fähigkeiten" über unser Publikum gestellt. Wir haben nie zum Wedeln mit den Armen oder zum tumben Mitsingen simpler Refrains aufgefordert. Wir gingen gleich einen Schritt weiter. Bei einigen unserer Auftritte haben wir entgegen klassischer Erwartungshaltungen an ein Rock-Konzert die Anwesenden auf die Bühne gebeten, um mitzududeln. Instrumente hatten wir ausreichend. Manche akzeptierten das, manche wandten sich enttäuscht oder gar empört ab.
Aber nur bei ausgewählten Highlights baten wir die Zuschauer um Mitwirkung. Um nur einige wenige dieser besonderen Acts zu nennen, seien hier angeführt unser Auftritt beim Sommerfest der Klinik für Psychiatrie in Lengerich (unser Bandname war Programm), das letzte Konzert in der besetzten BO-Fabrik vor deren Abriss (Stühmeyerstraße 33, Bochum) oder auch die "Schluss-Konzerte" unterschiedlicher Kneipen und Veranstaltungsorte in Recklinghausen und Umgebung.
Manchmal sagten wir scherzhaft: "Nach uns der Bagger!"
Nicht jeder war mit unserem Lärm einverstanden. Es war zwar nicht so, dass wir es darauf angelegt hätten, aber unser Drang zu individueller akustischer Entfaltung ging, vorsichtig formuliert, nicht immer mit den vorherrschenden Normen konform. So hatten wir uns zum Beispiel einmal in Münster wegen Ruhestörung vor Gericht einzufinden. Aber auch sonst hatten wir ausreichend Kontakt mit den Herrschaften in Uniform. Einmal sogar wegen eines Mordverdachts:
Wir hatten mangels eines Proberaums in der Hoffnung auf Abgeschiedenheit unser Gedudel in ein abgelegenes Wäldchen verlegt. Entfernte Passanten hatten das Knallen der Schläge auf ein Blech für Schüsse und das schräge Quietschen von Charlys Saxophon für Schreie gehalten. Das alarmierte Einsatzkommando trieb uns mit gezückter Waffe aus dem Unterholz und war erstaunt, dass es sich dann doch nur um harmlose lärmende Chaoten handelte.
Das erste Vinnumer Open-Air-Festival war gut, hatte aber einen einfallslosen Namen. Nach meinem Artikel im "Holzwurm" hieß es im Folgejahr "Bullshit Festival".
Ohne in die arrogante Selbstherrlichkeit abzudriften kann ich für mich in Anspruch nehmen, sowohl in meiner Funktion als Kulturredakteur des Holzwurm, als auch als Bassist von Für Wahn einem regionalen Musikfest seinen Namen gegeben zu haben. Das in den 1980ern und 1990ern in der Region durchaus bekannte und beliebte "Bullshit Festival" verdankt seinen Namen einem Artikel, den ich seinerzeit zusammen mit meinem guten Freund Jürgen Gosejacob in der Zeitschrift "Holzwurm" veröffentlicht habe. Ich bin unter anderem auf der von Kuhfladen übersäten Veranstaltungswiese im ländlichen Vinnum gewesen, weil unser Für-Wahn-Freund Franz als Drummer einer anderen Band auf dem Festival aufgetreten ist. Nachdem ich meinen Beitrag im "Holzwurm" veröffentlicht hatte, wurde meine Artikelüberschrift "The first Woodstick Bullshit Festival" eingekürzt und im nächsten Jahr als Festivalname benutzt.
Wir setzten aber nicht nur hier Impulse. Einige Musikerfreunde ließen sich durch unser Getöse zu eigenen Improvisationen inspirieren und entwickelten daraus einen Teil ihres Repertoires.
Charly mit der Rohrdrommel, einem selbstgebauten Instrument.
Charly ist vom Sternbild Krebs. Und Krebse sind Sammler. Sagt man jedenfalls. Bei unserem Frontmann stimmt das. Charly sammelt Musikinstrumente. Wo immer er ein günstiges, vielleicht sogar leicht defektes Instrument sieht, versucht er, es zu kaufen. Auf diese Weise verfügte Für Wahn über eine unglaubliche Fülle unterschiedlicher Geräusch-Erzeuger.
Manchmal war er auf der Suche nach einem ganz bestimmten Sound. Konnte er diesen mit herkömmlichen Instrumenten nicht erzeugen, experimentierte er mit selbstgebauten.
Die so hervorgequälten Geräusche erweiterten unser musikalisches Spektrum auf eine ganz eigene Art und Weise. Nicht immer gingen Zuhörer mit unserer Meinung konform, dass dies den Hörgenuss erst interessant macht. Doch der Spaß, den wir dabei hatten, war unbezahlbar.
Eine Art Drehleier, die gleichzeitig als Flöte oder Tröte benutzt werden kann.
Eine selbstgebaute Tröte, die einen sehr seltsam quäkenden Ton erzeugte.
Ein handelsübliches Instrument, das ohne Strom wunderbar schiefe Töne hervorbringt.
Charlys erstes Instrument, mit dem eigentlich alles begann.
Im März 2007 in unserem "Wahnodrom" an der Herner Straße 91 in Recklinghausen.
Wir dudelten, wo wir den Platz dazu hatten. Unter Brücken, wo der Hall zu ganz speziellen Soundexperimenten herausforderte, in der etwas abgelegenen Botanik (siehe oben), in Charlys Keller, in Olafs Keller, in Franz'ls Keller, in Schulkellern, in Feuerwehrkellern, in Garagen und Gartenhütten, aber auch in der Kunstakademie Düsseldorf, auf Festival-Bühnen, an Schauspielhäusern (wo Charly arbeitete), auf Bauernhöfen, in Kneipen, in Jugendzentren, in der Straßenbahn ... und so weiter.
Zwischendurch konnten wir auch Probe- bzw. Sessionräume anmieten. Wir warfen unsere paar Mark / Euro zusammen und trafen uns mehr oder weniger regelmäßig, um abgeschottet von der Außenwelt akustische Experimente zu machen. Unser letzter Raum war im ehemaligen Pferdestall der Zeche General Blumenthal an der Herner Straße in Recklinghausen.
Der letzte öffentliche Auftritt im RAZ4U in Datteln am 19.09.2009.
Der letzte öffentliche Auftritt, den wir gemeinsam hatten, fand am 19.09.2009 in Datteln im Jugendzentrum RAZ4U statt.
Nachdem uns ein Gast im Vorfeld mit sehr unfreundlichen Worten bedachte, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass man ohne aufgeschriebene Noten Spaß an der Musik haben könne, entschieden wir uns nach kurzem Beginn dazu, die Bühne für die Gäste zu öffnen. Derjenige, der schließlich die größte Freude am dilettantischen Getöse hatte, war der scharfe Kritiker. Was mal wieder beweist:
"Die größten Kritiker der Elche
werden am Ende selber welche!"
Das endgültige Aus unseres gemeinsamen Lärmens kam nach einem Hörsturz, den ich in 2010 erlitt. Ich stand massiv unter Stress - im Job, aber auch privat. Nachdem mein Organismus mir diesen Warnschuss vor den Bug setzte, musste ich nach über 35 Jahren mit allergrößtem Bedauern meinen Abschied von unserem Quiiietschen nehmen. Und damit endete auch das Dudeln der beiden anderen Freunde.
Titelseite des 188 Seiten starken Buches mit unseren Erinnerungen an Für Wahn.
Außer Musik gab es noch andere Aktivitäten, die wir hier erwähnen müssen.
Um unser Getöse promoten zu können, gründeten wir einen Verein; den Helikon e.V., denn es ist nun einmal so: Menschen lassen sich von Organisationen mehr beeindrucken als von Einzelpersonen oder von Bands ohne Lobby. Was blieb uns also anderes übrig, als unsere Lobby selbst zu erschaffen?
Und siehe da: es funktionierte. Man nahm uns plötzlich ernst. Naja, einigermaßen jedenfalls.
Wir konnten neue Kontakte knüpfen und sogar unsere eigene Radiosendung im Bürgerfunk platzieren.
Für die DROB (anonyme Drogenberatungsstelle) organisierten wir zur Unterstützung der niederschwelligen Drogenarbeit Konzerte in und um deren Haus, das damals in der Nähe des Südbahnhofs in Recklinghausen stand.
Wir leisteten pädagogische Arbeit mit Kindern in der Altstadtschmiede, und in den Räumen des Deutschen Mieterbundes konnten wir eine Ausstellung zu unserer eigenen 25-jährigen Bandgeschichte präsentieren.
Im Jahr 2012 gaben wir schließlich unsere "Memoiren" heraus. Unter dem Titel "Das Quiiietschen - Erinnerungen an Für Wahn" erzählten wir auf 188 reich bebilderten Seiten unsere hanebüchenen Erlebnisse als musikalische Rebellen.
Ein abschließendes Highlight war die Teilnahme an der Ausstellung "Rock und Pop im Pott" im Ruhrmuseum im Jahr 2016. Wir hatten sogar eine eigene Vitrine!
Als im April 2022 unser Trommler Franz Bücking unerwartet verstarb, war Für Wahn endgültig Geschichte. R.I.P., lieber Freund!